Veranstaltungsarchiv Villa Aurora
Dezember 2021
Ausstellung: all the lonely people
Los Angeles (LAXART)
Information
In Andenken an Kaari Upson (1972 – 2021)
Saâdane Afif, Vajiko Chachkhiani, Louisa Clement, Lauren Halsey, Annika Kahrs, Susan Philipsz, Anri Sala, April Street, Thomas Struth, Andrea Zittel
Die von Nana Bahlmann kuratierte Ausstellung greift die jahrtausendealte Tradition des Eremitentums auf und präsentiert vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie künstlerische Darstellungen von Einsamkeit, Melancholie und Sehnsucht sowie von physischem und mentalem Rückzug. Die Werke ehemaliger Stipendiat:innen der Villa Aurora sowie in Los Angeles lebender Künstler:innen sind zum Teil in persönlicher Isolation und zum Teil eigens für die Ausstellung entstanden. Vor L.A. wurde “all the lonely people” im Herbst 2021 in Berlin im silent green Kulturquartier gezeigt.
„all the lonely people“ macht die Erfahrung von Isolation und Einsamkeit sichtbar. Dabei greifen die Kunstwerke tradierte Motive der Einsiedelei wie den Rückzug in die Natur, Melancholie und Kontemplation, Innen und Außen, Austausch und Stille, Ausgrenzung und Trauma auf und wenden diese auf dringliche Fragen der Gegenwart an. Sie geben Themen wie der Einsamkeit im digitalen Zeitalter, autarken Lebensweisen oder imaginierten Zufluchtsorten in Zeiten von Gentrifizierung und systemischer Unterdrückung eine visuelle Gestalt und eine neue Form.
Die ausgewählten Werke der Ausstellung reflektieren den Topos des Einsiedlers mit verschiedenen Medien wie Fotografie, Video, Skulptur, Klang und Installation: Vajiko Chachkhianis Video Life Track zeigt ein eindrückliches Bild eines physisch wie mental isolierten Mannes, dessen Einsamkeit sich nicht zwingend in der Abgeschiedenheit zutragen muss, sondern mitten in unserer Gesellschaft meist ungesehen bleibt. Louisa Clements Repräsentantin, ein lebensechtes Selbstporträt der Künstlerin als „Real Doll“, thematisiert die Entfremdung vom Selbst, die stattfindet, wenn sich das eigene virtuelle Abbild von der Realität merklich entfernt, die Einsamkeit eines zusehends im Netz gelebten Lebens. Thomas Struths Arbeiten Vacuum Chamber, JPL, Pasadena und GRACE-Follow on Bottom View, IABG, Ottobrunn stellen Orte hermetischer Isolation dar und evozieren den Eindruck unendlicher Weite, wodurch die Idee der Entfremdung ins All ausgedehnt wird. Bahlmanns Ausstellung balanciert zwischen Natur und Künstlichkeit, wie in den Werken Annika Kahrs und Andrea Zittels. Kahrs Playing to the Birds erzählt vom Versuch, durch Musik und Kommunikation die Einsamkeit zu überwinden, während Andrea Zittels Wall Sprawl (Next to Las Vegas Bay) – Luftaufnahmen von Randgebieten, die die Weite der Wüste mit großflächigen urbanen Entwicklungsräumen in einer ornamentalen, allumfassenden Tapete verbinden –das Zusammentreffen von Natur und Zivilisation darstellt. Das Werk wird beinahe den gesamten Ausstellungsraum umspannen, als Rahmen der Ausstellung im Ganzen. April Streets Still Life at 12 o’clock schafft mit Bezug auf die Naturverbundenheit von Einsiedlern eine fantastische Weltlandschaft, in der sich physische Realität und Innenwelt auf einer Bildebene vereinen Lauren Halsey zeigt eine Ziegelmauer als Repräsentation der Straße, die zum ultimativem, kollektiven Zufluchtsort vieler Ausgegrenzter ihres Kiezes wird: South Central, ein für Rassenunruhen und Bandenkriminalität bekannter Stadtteil in Los Angeles. Während Suzan Philipsz in Trees and Flowers der Angst vor Einsamkeit und Isolation ihre Stimme leiht, erfasst Anri Sala in seiner frühen Videoarbeit Uomoduomo geradezu metaphorisch die isolierte Existenz eines Obdachlosen, der gezwungen ist, außerhalb der Gesellschaft zu leben. Und Saâdane Afif erkundet in einer neuen Arbeit Strategien geteilter Autor:innenschaft im Kontext der künstlerischen Selbstbegegnung im eigenen Werk.
Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Filmen, Lesungen, Gesprächen, Performances und Konzerten ergänzt die Ausstellung.
Teilnehmer:innen
Nana Bahlmann, Kuratorin: „Allein zu sein hat in den langen Monaten der Lockdowns eine ganz andere Bedeutung erlangt. Künstler:innen haben einige Instrumente im Umgang mit Isolation anzubieten, ist Distanz doch ein wesentlicher Bestandteil der künstlerischen Positionierung zur Welt. Kunst transzendiert Einsamkeit, indem sie sie sichtbar macht, interpretiert und damit Gelegenheit gibt, sie zu teilen und das versuchen wir mit dieser Ausstellung.“
Heike Catherina Mertens, Geschäftsführerin VATMH: „Für viele Künstler:innen ist die Villa Aurora ähnlich einer Einsiedelei ein Ort des Rückzugs und der Kontemplation, an dem aus der Distanz Inspiration für Neues entsteht. Für Schriftsteller:innen und Journalist:innen, die in ihrer Heimat bedroht werden, ist sie zugleich – wie schon 1943 für Marta und Lion Feuchtwanger – ein Zufluchtsort, ein Sanctuary. Diese Aspekte wollten wir mit einer Ausstellung zum 25. Geburtstag des Hauses aufzeigen und den Austausch zwischen den Kunstszenen Berlins und Los Angeles stärken.“
Partners
Die Ausstellung wird großzügig gefördert vom Auswärtigen Amt, der Senatskanzlei Berlin, der Friede Springer Stiftung und einem privaten Mäzen.
Die Ausstellung in Los Angeles wird zudem durch Unterstützung der Andy Warhol Foundation for the Visual Arts und des LA Arts Recovery Grant ermöglicht.
LAXART ist ein gemeinnütziger Raum für bildende Kunst, der Entwicklungen in zeitgenössischer Kultur durch Ausstellungen, Publikationen und öffentliche Programme fördert. LAXART versteht zeitgenössische Kunst als Mittel zum Verständnis gegenwärtiger Schlüsselthemen und all ihrer Widersprüchlichkeiten. Zeitgenössische Kunst kann viele Formen annehmen. Anstatt Antworten zu geben, wirft sie Fragen auf. Durch eine Auswahl an Angeboten kontextualisiert LAXART zeitgenössische Kunst sowohl gesellschaftlich als auch kunsthistorisch. LAXARTs Programme sind kostenlos und für die Rezeption durch ein breites Publikum konzipiert.
Lesung und Gespräch mit Janet Sternburg und Boris Dralyuk
Villa Aurora (520 Paseo Miramar, 90272 CA)
Information
Als Los Angeles 2020 im Lockdown war, nahm Janet Sternburg Handschuhe, Maske und Kamera, um die leeren Straßen und veränderten Landschaften der Stadt zu erforschen. "Eine Zeit lang lief ich durch Los Angeles und sah vor allem was verlassen war," schreibt Sternburg. "Dann begann ich, eine Poesie wahrzunehmen, die ich in belebteren Zeiten nicht immer sehen konnte." In den Monaten darauf wurden Lebenszeichen und -spuren in einer ehemals eingefrorenen urbanen Umgebung sichtbar.
I've Been Walking verbindet Sternburgs Wahrnehmungen, Erinnerungen und vielschichtige Erfahrungen mit dem beispiellosen Jahr der Pandemie. Sternburgs Fähigkeit, diese Nuancen zu vermitteln ermöglicht dem Betrachter eine tiefe Reflexion zur Bedeutung und Metaphorik jedes einzelnen Bildes. Obwohl viele Bilder in I've Been Walking keine Menschen zeigen, zeugt das Werk doch von einer tiefen Menschlichkeit und vermittelt den sozialen und persönlichen Nachklang des Lockdowns in 2020. "Ich fotografierte, wovon ich heute als eine Art Fülle denke – eine sinnliche Vergrößerung die inmitten von Leere zu finden ist," sagt Sternburg. "Ich will die Schmerzen und Verluste, die COVID-19 verursacht hat, nicht künstlerisch ausbeuten. Ich meine damit, dass wir uns vergrößern, wenn wir alle Teil der uns eigenen Landschaft werden."
Teilnehmer:innen
Janet Sternburg ist Fotografin und Schriftstellerin. Seit 1998 wurden ihre Bilder in verschiedenen Bänden veröffentlicht (2002 in Aperture, 2003 in The Utne Reader). 2016-17 erschien im Distanz Verlag (Berlin) die Monografie Overspilling World: The Photographs of Janet Sternburg, zu der Wim Wenders ein Vorwort verfasste. Wenders schreibt: "Fotografen haben keine Augen im Hinterkopf. Janet Sternburg schon." Ihr literarisches Schaffen umfasst unter anderem das zweibändige Werk The Writer and Her Work (W.W. Norton, 1981 und 1991). Weitere Bücher folgten, darunter Phantom Limb (University of Nebraska American Live Series, 2002), über das Bill Moyers schreibt: "Janet Sternburg hat die perfekten Metaphern für die ultimativ unausweichlichen Begebenheiten im Leben gefunden". Diesem Hybrid aus persönlicher Erzählung, Essay und Geschichte folgte White Matter (Hawthorne Books, 2016): in einer Rezession in Forbes wird Forbes als "alle Register ziehend" beschrieben, "die Sensibilität und Präzision der Dichterin, die harten Kanten der Fotografin, die Intelligenz und das Wissen der Akademikerin, um die Vielschichtigkeit dieser Geschichte zu erreichen." Ihr Stück The Fifth String (2011-2014) wurde in Berlin, Essen, New York und LA gezeigt. Sternburg lebt in Little Tokyo in Downtown Los Angeles und in San Miguel de Allende, Mexico. 2016 erhielt sie den REDCAT AWARD für ihr individuelles Engagement um die Entwicklung zeitgenössischer Kultur. I've Been Walking: Janet Sternburg Los Angeles Photographs ist ihr neuestes Buch.
Boris Dralyuk ist Chefredakteur der Los Angeles Times Review of Books. Er ist Mitherausgeber von u.a. The Penguin Book of Russian Poetry und übersetzte Isaac Babel, Maxim Osipov, Mikhail Zoshchenko und andere. Sein Gedichtband My Hollywood and Other Poems erscheint 2022 bei Paul Dry Books.
Ausstellung: 6 Friedberg-Chicago
Dortmund
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6 Friedberg-Chicago, die erste institutionelle Einzelausstellung des deutsch-amerikanischen Künstlers James Gregory Atkinson, beleuchtet auf persönlicher, gesellschaftlicher und politischer Ebene einen Teil afroamerikanisch-deutscher Geschichte. In der Ausstellung präsentiert der Künstler seinen neuen gleichnamigen Film, der in den Ray Barracks, einer ehemaligen US Army Base in Friedberg, gedreht wurde. Er entstand u.a. in Zusammenarbeit mit dem Tänzer und Choreografen Josh Johnson sowie mit der Harfenistin und Sängerin Ahya Simone. Die Ausstellung präsentiert außerdem ein nichtlineares Archiv, das sich mit der Geschichte Schwarzer Soldaten in Deutschland und deren Nachkommen auseinandersetzt und das Atkinson gemeinsam mit Eric Otieno (Soziologe und Politikwissenschaftler) und Mearg Negusse (Kunsthistorikerin) erarbeitete.
Teilnehmer:innen
James Gregory Atkinson (*1981 in Bad Nauheim) studierte bei Douglas Gordon an der Städelschule, Frankfurt und erhielt Stipendien und Künstlerresidenzen in der Villa Aurora, Los Angeles (2016), der Jan Van Eyck Akademie, Maastricht (2017) sowie ein Atelierstipendium der Hessischen Kulturstiftung in New York (2018).
Partners
Eine Ausstellung vom Dortmunder Kunstverein gefördert von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung im Rahmen des Förderpreises „Kataloge für junge Künstler“.
Die Filmproduktion wurde von der Hessischen Kulturstiftung, dem Goethe-Institut und Villa Aurora unterstützt.
Weiterführende Informationen zur Ausstellung und dem Rahmenprogramm finden Sie hier
Screening und Gespräch: PLAYLAND USA
Villa Aurora (520 Paseo Miramar, 90272 CA)
Information
Eine poetische Zeitreisefantasie durch die imaginierte Geschichte der Vereinigten Staaten als moderne Märchenwelt, entlang der Spuren unserer Sehnsucht nach Illusion und Eskapismus – gefangen zwischen Fakt und Fiktion, getrieben von den allgegenwärtigen Realitätsverschiebungen in den USA.
Der Film eröffnet den Blick auf den anhaltenden Realitätsverlust in den USA. Wie lebt das Land, welches Entertainment in die ganze Welt exportiert, von seinen eigenen Geschichten? Szenen der Fantastik und Magie kollidieren mit Verweisen auf gegenwärtige Probleme wie Rassismus, Populismus und Waffengewalt. Durch kraftvolle Musik- und Bildassoziationen, schlägt der Film einen Bogen von der Eroberung der Neuen Welt zur Besiedlung fremder Planeten.
Schindler nimmt einen großen Abstand ein, um das Ausmaß fiktionaler Manifestationen ins Bild zu bekommen, oder geht ganz nah ran, um die sprechen zu lassen, für die das Surreale zur Wahlheimat geworden ist: Ein Endzeitprediger, eine Geisterjägerin, ein Santa Claus, ein indigener Geschichtenerzähler, eine zahnlose Western-Lady, ein Ufo-gläubiger Kinobesitzer- Figuren, selbst gefangen zwischen Realität und Fiktion, bezeugen die charakteristische Verfremdung unserer Zeit.
Was der Film hier am Beispiel Amerika einfängt, hat universelle Qualitäten und bietet sich als Grundlage, den Blick auch gen Europa zu richten. Das Mythische, das Märchenhafte, das Erzählte ist verführerisch, was aber wenn es sich in die Politik verirrt, Lüge wird. PLAYLAND USA sammelt einige faszinierende Extreme, vor allem liefert der Film am Ende aber Eines: Bewusstsein. Ein Bewusstsein, mit einer neuen Perspektive auf das eigene in der Welt sein zu blicken: “Maybe we live in a movie now.”
Teilnehmer:innen
Benjamin Schindler entdeckte die Welt des visuellen Erzählens als Programmkinobetreiber, Filmvorführer, Fotograf und Zeichner für sich. 2005/06 leitete er das Studentenkino Kino im Kasten und gründete das Ensemble shortfilmlivemusic, mit dem er weltweit dokumentarische Filmkonzerte aufführt. Danach studierte Benjamin von 2006 bis 2012 an der Kunsthochschule für Medien Köln: Medienkunst, Film und hybride Formen. Er arbeitet als Kameramann und Regisseur und realisierte seit 2010 zahlreiche Kurz- und Dokumentarfilme; drehte in Indien, Gambia, Spanien, Großbritannien, Taiwan und den USA. In seinen Dokumentarfilmen setzt er sich mit realen und (selbst-)konstruierten Welten, mit Identitätssuche von Gesellschaften und dem Einfluss von virtuellen Realitäten auf unsere Wirklichkeit auseinander. Die Filme entstanden fürs Kino, waren aber auch auf Festivals, im TV und als installative Bearbeitungen in Ausstellungen zu sehen.
Benjamin Schindler wird per Livestream zugeschaltet.
Prof. Dr. Heike Paul wurde 1968 in Koblenz geboren. Sie studierte von 1987 bis 1994 Amerikanistik, Politische Wissenschaft und Anglistik an der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/M. und an der University of Washington, Seattle. Nach dem Magisterabschluss promovierte sie im DFG-Graduiertenkolleg „Geschlechterdifferenz und Literatur“ an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und war anschließend als wissenschaftliche Assistentin an der Universität Leipzig tätig, wo sie sich 2004 habilitierte. Im gleichen Jahr folgte sie einem Ruf an die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg auf den Lehrstuhl für Amerikanistik. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Kulturwissenschaften vornehmlich auf der Erforschung der Formen und Funktionen des Sentimentalen (Global Sentimentality Project) und des impliziten Wissens. Heike Paul ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Direktorin der Bayerischen Amerika-Akademie, für die sie sich u.a. als transatlantische Netzwerkerin engagiert.